KI - Wie klug handelt der Markt?
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KI-Anwendungen sind gerade dabei, (nicht nur) den gesamten Software-Markt strukturell zu verändern. Am Aktienmarkt hat das dazu geführt, dass bereits kurze Mitteilungen genügen, um heftige Kurseinbrüche auszulösen. So informierte der KI-Entwickler Anthropic am 05. Februar 2026 über „Verbesserungen“ seines Large Language Models Claude Opus 4.6. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um eine effizientere Inputverarbeitung bei gleichzeitiger Reduzierung eigener Fehlerquellen. Zwei Handelstage später war der Wert von Software-Aktien weltweit um annähernd USD 250 Mrd. gesunken.
Gleichzeitig werden derzeit in eigentlich positiven Geschäftsberichten aus der Softwarebranche Einzelinformationen, die hinter den Erwartungen des Marktes zurückbleiben, als grundsätzliches Geschäftsrisiko angesehen mit erheblichen Bewertungsabschlägen in der Folge. So erlebte SAP Ende Januar nach Vorlage seiner vorläufigen, an sich guten Geschäftszahlen 2025 einen sofortigen Kurseinbruch seiner Aktien um über 15%. Ähnliches wiederholte sich kurz danach mit den Aktien des erfolgreichen US-amerikanischen Chip-Designers Arm – Tagesverlust: 8%. KI sei derzeit als „existenzielles Risiko“ anzusehen, so die Begründung von Rating-Agenturen. Was diese Agenturen aber nicht davon abhält, gleichzeitig Kaufempfehlungen für Software-Titel abzugeben mit prognostizierten Wertzuwächsen von mitunter mehr als 50%. Und das obwohl bisher noch kein KI-Anbieter ein nachhaltig profitables Geschäftsmodell hat.
Rationale Erklärungen allein stoßen hier an enge Grenzen. Aber wie soll man dann das Marktverhalten beurteilen?

Das Marktverhalten ist üblicherweise eine Resultierende aus Aktionen von Personen oder Organisationen unter Einsatz von Werkzeugen und anderer Ressourcen. Gerade in transparenten Märkten finden laufend engste Abstimmungsprozesse zwischen den Teilnehmern statt, die dabei von bestimmten Erwartungen (z.B. über vermutete Belohnungen) und wechselnden Leitideen (z.B. über gut angepasstes Verhalten) geleitet werden. Dies entspricht einem von Schwärmen bekannten Organisationsmuster.
Was aber bestimmt das Verhalten eines einzelnen Mitglieds, einer einzelnen Person?
Die Interdependenztheorie (Kelley und Thibaut) über grundsätzliche Prozesse des sozialen Austausches bietet hier weiterführende Erklärungsansätze. Denn auch auf dem Software-Markt finden laufend Interaktionen zwischen den Teilnehmern statt, die ihrerseits andere in ihren Aktionen beeinflussen. Die grundsätzliche Erwartung eines jeden Marktteilnehmers ist dabei klar: am Ende müssen die erzielten Vorteile die dafür aufgewendeten Kosten überragen – in spekulativen Märkten wie dem von KI-Anwendungen sogar signifikant.
Nach mittlerweile zwei Jahren eines zunehmenden Angebots an KI-Tools hat sich bei vielen Marktteilnehmern nun offenbar die Wahrnehmung der Situation verändert. Die bisher aufgewendeten Kosten sind nicht nur höher ausgefallen als erwartet, sondern sollen auch zukünftig noch deutlicher wachsen. Und das obwohl die erzielten Vorteile sich bisher nicht in dauerhafte finanzielle Gewinne niedergeschlagen haben. Zusätzlich führt kompetitives Verhalten der großen Marktteilnehmer zu der Überzeugung, dass es am Ende nicht nur Gewinner geben wird, sondern auch Verlierer.
Dadurch kommt es nicht nur zu neuen Überlegungen, wie z.B. dem Auslagern von Risiken an Dritte, sondern es verändern sich auch Motivation und Emotionen der Handelnden selbst. War es bisher wichtig, den „abfahrenden Zug“ nicht zu verpassen, so gilt es jetzt, mögliche zukünftige Verluste zu minimieren, um nicht „auf dem Abstellgleis“ zu landen. Entsprechend der Erwartungstheorie (Tversky und Kahneman) werden erwartete Verluste jedoch deutlich höher bewertet als erwartete Gewinne. Man sieht förmlich die eigenen Felle davonschwimmen. Folglich macht sich Angst breit. Genau dies ist die affektive Grundlage für irrationale Handlungen – was sich aktuell in den Aktienkursen der Software-Branche widerspiegelt.
Was kann aus psychologischer Sicht eine einzelne Person in einer solchen Situation tun?
Zum Beispiel sich über zugrundeliegende Handlungsmuster klar werden. Nur weil man einen Pfiff hört, nicht gleich auf den nächstbesten Zug aufspringen. Prüfen, unter welchen Bedingungen man sich welchen Verlust leisten kann. Sich dabei eng definierte Grenzen setzen. Die Perspektive von anderen Personen einholen. Kurzum: eigene Affekte bewusst wahrnehmen und dann klug (inter-)agieren.



