Welche Rolle spielen identitäre Überzeugungen bei Unternehmensübernahmen?
- Fred Malich

- 5. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Okt. 2025
[Sep 2025] Übertragungen und Übernahmen von Unternehmen spielen in Deutschland eine zunehmend wichtige Rolle. So rechnet das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn (IfM) für den aktuellen Berichtszeitraum 2022-2026 damit, dass allein in Deutschland bei 190.000 Familienunternehmen die Übertragungsfrage gelöst werden muss.

Auch bei klassischen Unternehmensübernahmen ist Bewegung. Seit Herbst 2024 ist die Unicredit-Bank an der Commerzbank beteiligt. Die Berlusconi-Holding hat kürzlich ihr bestehendes Angebot zur mehrheitlichen Übernahme der ProSiebenSat.1-Gruppe finanziell nachgebessert. Und seit Ende Juli 2025 liegt der Holdinggesellschaft der MediaMarkt-Saturn-Gruppe ein Übernahmeangebot durch einen chinesischen Investor vor. Anfang August 2024 war keines dieser Projekte unterschriftsreif. Offenbar haben die jeweiligen Akteure derzeit nicht die Überzeugung, dass bei einer Übernahme für sie die Vorteile überwiegen.
Diese im Kern psychologische Perspektive lohnt einen näheren Blick, der im Folgenden anhand des aktuellen Übernahmeversuchs der Unicredit-Bank punktuell illustriert werden soll. Dort sind die wesentlichen Akteure nicht nur der Vorstand der Unicredit als Kaufinteressent und der Vorstand der Commerzbank. Wichtige Beteiligte sind ebenfalls die Bundesrepublik Deutschland als aktuell zweitgrößter Commerzbank-Aktionär (vertreten durch die Bundesregierung), die anderen Eigentümer (vertreten durch den Aufsichtsrat) und die Commerzbank-Beschäftigten (vertreten durch den Gesamtbetriebsrat). Die vier letztgenannten Akteure stufen auch Anfang August 2025 den Übernahmeversuch von Unicredit als „unfreundlich“ ein und vermeiden den Eindruck, es gäbe direkte Übernahmegespräche mit dem Kaufinteressenten.
In einer solch unübersichtlichen Situation kann beim Erkennen von Handlungsoptionen die Kenntnis der Theorie der sozialen Identität von Haslam hilfreich sein. Demnach betrachten die Akteure sich primär als Mitglieder ihrer jeweiligen Gruppe (Wir von der erfolgreichen B-Bank, Wir vom kämpferischen Betriebsrat etc.) und fügen dieser gruppenbezogenen Identität ihre individuelle Identität hinzu (Ich als professioneller Firmenkunden-Betreuer, Ich als Ansprechpartner für soziale Fairness etc.). Das mit der individuellen Identität verbundene, positive Selbstwertgefühl wird dabei automatisch auf die eigene gruppenbezogene Identität übertragen. Der eigene Arbeitgeber wird zur sog. Ingroup, also zu einer Gruppe, zu der man sich zugehörig fühlt.
Wo es aber eine Ingroup gibt, gibt es auch (mindestens) eine Outgroup, die aufgrund ihrer Absichten – egal ob tatsächliche oder unterstellte, ob eindeutige oder mehrdeutige – als Bedrohung der eigenen Identität wahrgenommen wird. Für Ingroup-Mitglieder geht es darum, gegenüber der Outgroup möglichst viele eigene positive Unterschiede hervorzukehren (z.B. „Wir sind einfach näher am Kunden“) oder der „Outgroup“ negative Unterschiede zuzuschreiben (z.B. „Große Fische an Land ziehen können die bis heute nicht“). Es findet also faktisch ein sozialer Vergleich statt, der ausschließlich dazu dient, die eigene Gruppe aufzuwerten – notfalls auch über die Abwertung der anderen Gruppe. Je länger solche identitären Überzeugungen anhalten, umso stärker sind sie einer beabsichtigten Kooperation hinderlich.
Bei der Anbahnung einer Unternehmensübernahme ist üblicherweise der Kaufinteressent der Schlüsselakteur. Werden dessen eigene Absichten (und deren Konsequenzen!) in direkten Gesprächen mit den wesentlichen Gesellschaftern des betroffenen Unternehmens besprochen, dann dürfen bei entsprechendem Interesse von dort Impulse erwartet werden, die in sinnvolle Vorgespräche mit der Leitungsebene des betroffenen Unternehmens einmünden können.
Ein Kaufinteressent könnte jedoch auch die „andere Karte“ spielen, d.h.
Unsicherheit als Verhandlungsmittel bewusst einsetzen,
öffentliches Sprechen („über“) gegenüber einer direkten Ansprache („mit“) bevorzugen,
Andeutungen benutzen, die auch als Drohungen verstanden werden können oder auch
die Umsetzung der eigenen Absichten als alternativlos darstellen und damit tendenziell die Absichten und Aktionen der anderen Akteure disqualifizieren.
In diesem Fall würde sich bei den anderen Akteuren zunehmend der Eindruck einer versuchten Manipulation verdichten. Im schlechtesten Fall kann dies bei ihnen zu der Überzeugung führen, dass manipulatives Verhalten zur Identität des Kaufinteressenten gehört. Dann aber ist potenziell der Weg zu feindseligem Handeln geebnet und ein zusätzliches Hindernis geschaffen für die eigentlich angestrebte Kooperation.



